All that is composed will decay...

The Element of Crime / Spuren des Verbrechens, Lars von Trier, 1986

Nov 16, 2016

Zum Film

Der Film wurde zwischen September und November 1983 in Dänemark gedreht: unter anderem in den Kanalröhren von Kopenhagen und in den altertümlichen und unterirdischen Durchgängen eines Schlosses, in Kalksteingruben, in verlassenen Fabriken oder in einer alten Festung auf einer entfernten Insel. Die Standorten vermitteln die Atmosphere eines versunkenen Europas, der apokalyptischen Endzeit.

Kurzinhalt

Ein narrativer Rahmen mit einem Erzähler - dem Detektiv, der durch die Handlung führt - und einem Hypnotiseur, der die Geschichte in Gang setzt und manchmal durch Zwischenfragen eingreift. Der ist ein arabischer Psychotherapeut, der den Polizisten Fisher in Kairo behandelt. Mit Hilfe von Hypnose lässt sich der Kriminalbeamte Fischer in die Vergangenheit nach Europa zurückversetzen.

Zwei Monate zuvor war Fisher zu einem Job nach Europa aufgebrochen. Dort hat er gemeinsam mit Polizeichef Kramer eine Mordserie untersucht, wobei er die Methode seines früheren Lehrers Osborne verwendete. Nach Osbornes Buch ‘The Element of Crime’ muss man sich mit dem Täter identifizieren, um das Prinzip des Verbrechens aufzudecken. Die Prostituierte Kim, die Fisher begleitet, muß beobachten, wie für den eigentlich robusten Mann allmählich die Grenzen zwischen Einbildung und Realität verwischen, bis er in Folge den letzten Mord selber ausführt. Fisher ist sich nicht mehr im Klaren, wo und wer er ist. Verfolgt er den Mörder Harry Grey? Ist er selbst der Mörder? Ist das alles wirklich geschehen oder ist es nur ein Kapitel aus Osbournes Buch? Hat Fisher die Geschichte vielleicht ausgedacht?


Metalepse und "Mise en abyme"

"narrative Metalepse" (Gérard Genette, "Discours du récit", Figures III, 1972): (mindestens) zwei getrennte Erzählebenen (z.B. die extradiegetische Ebene des Erzählers und die fiktive Intradiegese dessen, was er erzählt) logikwidrig miteinander vermischt werden.

Der Metalepse verwandt ist die narrative Mise en abyme (frz.: "in den Abgrund schicken" im Sinne von "ins Unendliche/Bodenlose verlängern") nach André Gide (theoretisch expliziert von Lucien Dällenbach). Die Bezeichnung lehnt sich an die Heraldik an und bezieht sich auf die Wiederholung desselben Wappens en miniature auf dem Schild. Entsprechend steht die narrative mise en abyme für einen Text, der andeutet, sich selbst (im Maßstab herabgesetzt) nochmals zu enthalten. Da eine solche Potenzierung ins Unendliche führen müsste und kein gedruckter Text oder gedrehter Film unendlich sein kann, lässt sich eine "mise en abyme" in der Literatur oder im Film immer nur andeuten.

Doppelgänger: Fischer und Harry, Fischer und Osborne;

Parallelen: Kim und das kleine Mädchen;

Miniaturen: Auto, Pferd.

Zu Motiven

Pferd: Dichotomie von Leben und Tod, Gut und Böse.

Reflexionen und umgekehrte Bilder weisen auf die Grenze zwischen der Realität und Einbildung hin.

Wasser in allen möglichen Darstellungen, wie Tropfen, Regen, Pfütze, Seen, Kanäle usw. und Untergehen bedeuten die Tiefe des Unbewusstes.

Lampen, Laternen, Mond, Feuer: einerseites, vermittelt das Gelb die Atmosphäre von Wahnsinn, andereseits symbolisieren die einzelnen Elemente der Beleuchtung den Schimmer der Vernunft in der Dunkelheit existenzialer Leere.


Freudianische Motive und Psychoanalyse: Kim sagt Fisher "I want to show you something," und im nächsten Bild sieht man die beiden in einem Boot, das durch einen nassen dunklen Tunnel schwimmt: 53:30-54:00, 55:30. Später sagt auch das Mädchen dieselben Wörter.

Leere Papierblätter: leere Stellen in Fishers Gedächtnis; die Gefühle von unersetzbarer Leere und Trostlosigkeit; Verlust und Geheimnis, die in den Tiefen des Gedächtnisses versteckt sind.

Lotteriescheinen: Der Zufall, der oft als entscheidend im Leben vorkommt: Gedicht auf Deutsch und die Lotteriescheine, die die ermordeten Mädchen verkauften.